Die Sache mit dem Vitamin B12
Wenn man bedenkt, dass es noch nicht sehr viele Veganer in Europa gibt, so ist es doch erstaunlich, wie intensiv sich Ärzte und Ernährungsberater mit der veganen Ernährung beschäftigen. Meist ist dieses «Beschäftigen» leider eher ein Bekämpfen, ohne sich genauer darüber informiert zu haben. Wenn man aber die vielen Vorurteile gegen diese Form der Ernährung beseitigt, kommt man oft auf eine Gemeinsamkeit der Kritik: Veganer scheinen öfters einen Vitamin-B12-Mangel zu haben als Fleischesser. Stimmt das? Und falls ja: Woher kommt es?
Die ADA (American Dietetic Association) ist die weltweit grösste Vereinigung von Ernährungsexperten mit rund 70000 Mitgliedern. Sie hat 2003 zusammen mit der Partnerorganisation in Kanada ein Positionspapier zur vegetarischen Ernährung veröffentlicht. Darin steht:
«Eine gut geplante vegane oder andere Art der vegetarischen Ernährung ist für jede Lebensphase geeignet, inklusive während der Schwangerschaft, Stillzeit, Kindheit und in der Pubertät.»[1]
Anzumerken ist hierbei, dass in den USA wesentlich mehr Nahrungsmittel mit dem Vitamin B12 angereichert sind als in der Schweiz und den meisten anderen europäischen Ländern. Alle Experten sind sich heute einig, dass tierische Produkte im frühesten Kindesalter problematisch sind. Ausserdem weiss man, dass in Ländern mit hohem Konsum an tierischen Produkten der Konsum an Gemüse, Früchten, Salaten generell zu gering ist. Eine abwechslungsreiche, sorgfältig geplante vegane Ernährung erfüllt deshalb praktisch alle Ernährungsempfehlungen besser als eine Ernährung, die hauptsächlich auf tierischen Produkten basiert. Viele der weit verbreiteten ernährungsbedingten Krankheiten liessen sich durch eine solche vegane Ernährung zumindest verringern. Wenn man die möglichen Nachteile nicht ignoriert, sind bereits heute viele Ernährungswissenschaftler der Meinung, dass eine vegane Ernährung viele gesundheitliche Vorteile mit sich bringt.[2]
Prof. T. Colin Campbell[3] von der Cornell-Universität beschreibt das Resultat seiner langjährigen Ernährungsstudie[4] folgendermassen:
«Wir fanden heraus, dass Leute, welche sich zu 100 Prozent rein pflanzlich ernähren, einen bleibenden gesundheitlichen Vorteil davon hatten. Selbst wenn man nur 10 bis 20 Prozent tierisches Eiweiss in der Ernährung hat, kann dies bereits ein Problem darstellen.» Auf die Frage, ob er mit «tierischem Protein» Fleisch und Milchprodukte meine, antwortete er: «Oh, absolut. Tatsächlich ist es so, dass je höher der Konsum an Milchprodukten, desto höher ist auch das Risiko der Osteoporose, und nicht etwa umgekehrt. Und Prostatakrebs ist sehr eng gekoppelt mit dem Konsum von Milch. Auch mit der fettarmen Milch.»
Das grösste mögliche Problem stellt die Versorgung mit genügend Vitamin B12 dar. Mehrere Einzelfälle aus der wissenschaftlichen Literatur belegen, dass ein starker Mangel an B12 gravierende körperliche Folgen haben kann (und dies nicht nur bei Veganern).[5] Um von all den vielen Vorteilen einer veganen Ernährung optimal profitieren zu können, wäre es deshalb gut, sich mit den möglichen Nachteilen genauer zu befassen.